• Rahel

Wann ich mich über ein "Nein" freue

Gebrannte Haselnüsse auf dem Feuer



In einer Unterrichtseinheit im Wald übergebe ich einer Gruppe die Verantwortung fürs Zvieri. Sie erhalten von mir einen Korb mit einem rudimentären Rezept, einer Flasche Wasser, einem Pack Zucker und zwei Pack Haselnüssen. Manchmal organisieren die Jugendlichen auch die Zutaten selber, diesmal habe ich diese bereitgestellt. Das Rezept ist für vier Personen geschrieben, sie müssen es also erst mal umrechnen für die ganze Klasse. Zudem haben wir keine Waage. Und auch kein Litergefäss. Sie lernen damit umzugehen, nicht die exakten Mengen garantieren zu können. Sie müssen sich darauf einlassen, 1dl Wasser abzuschätzen aus dem Wissen, dass total 4dl in der Flasche ist. Auch die 100g Zucker schätzen sie ab.


Dabei üben sie, mit Unsicherheit umzugehen. Dass das Rezept nur knapp das Vorgehen beschreibt, bringt die Jugendlichen in einen Austausch, ins selber Denken. Wie wollen wir vorgehen, was macht Sinn? Ihre Achtsamkeit wird gestärkt, weil sie fortwährend beobachten was passiert und daraus entscheiden.




Eine halbe Stunde später: Die Pfanne steht auf dem Feuer, darin blubbert der flüssige Zucker auf den Haselnüssen. Ich habe das Rezept noch nie gemacht, dies setzt mich auf dieselbe Erfahrungsebene wie die Schülerinnen und Schüler. Die Gruppe kommt auf mich zu. Schüler: «Was braucht es jetzt wohl noch?» Ich: «Vielleicht noch etwas Kochzeit? Oder höhere Temperatur (bedeutet im Wald Holz nachlegen)?» Die Antwort des Schülers: «Nein ich glaube nicht. Die Temperatur ist eher zu hoch, die Nüsse riechen schon etwas angebrannt.»


Das ist die Intension, wo ich hinmöchte, mein Wunsch für eine gelingende Lernatmosphäre auf vielschichtiger Ebene: Eine Kultur zu schaffen, in der Gleichwertigkeit besteht, in der die Schülerinnen und Schüler beobachten, mit Unsicherheiten umgehen üben. Wo sie lernen, dass es nicht nur Richtig und Falsch gibt. Dass sie Situationen beurteilen und entsprechend entscheiden. Dass sie also selbst denken statt bloss blind meine Anweisungen zu befolgen. Das Nein des Schülers auf meinen Kommentar lässt mir das Herz aufgehen. Weil sein Nein hier bedeutet, dass er nicht einfach mir nachplappert, sondern selber denkt und so aktiv teilnimmt am Lernprozess. Weil er weiss, dass seine Überlegungen wichtig und gefragt sind. Und dass sie mich als Lehrkraft mehr interessieren als dass er einfach nur meine Anweisungen befolgt. Es ist mein Anliegen, die Jugendlichen darin zu bestärken.



Am Schluss bleiben die Haselnüsse eine einzige klebrige Masse. Sind wir nun gescheitert? Oder haben wir so vielleicht fast mehr gelernt, als wenn die gebrannten Haselnüsse perfekt herausgekommen wären? Bald steht die halbe Klasse um die Köche herum. Alle geben einen Tipp ab, was man noch tun könnte. Einer meint, wir sollten die Masse auskühlen. Aber wir haben keine ebene Fläche. Also nimmt ein anderer Schüler kurzerhand einen Hobel, fährt damit ein paar Mal über einen Baumstamm und schon kippen die Jugendlichen die Pfanne darüber aus. Sie verteilen die Nüsse vorsichtig auf der nun sauberen Holzfläche. Die langen Fäden, die der karamellisierte Zucker zieht, sorgt für Heiterkeit. Die Frage, ob ein Fehler passiert ist oder ob die Kochgruppe gescheitert ist, die kommt gar nicht erst auf. Sie ist auch nicht relevant. Die süssen Haselnüsse schmecken. Braucht es mehr?

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