• Rahel

Lehrer sollten Schatzsucher sein

Was braucht es um zu entdecken, was alles in einem steckt?



Stell dir vor, wir würden unsere Zeit dafür nutzen, zu entdecken was in uns steckt. Und in andern. Statt unsere Zeit damit zu verbringen, uns - und andere - zu vergleichen und zu bewerten. Als Lehrerin sehe ich es als meine Hauptaufgabe, Schatzsucher zu sein und Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, ihr Potential zu entdecken, auszugraben und zu entfalten.


Was braucht es, dass Kinder und Jugendliche ihr Potential entfalten können? Ein paar Ergebnisse aus der Hirnforschung.



Verantwortung übernehmen


Es ist etwas vom Wertvollsten, wenn Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit gegeben wird, etwas aktiv zu tun, etwas beizutragen, Verantwortung zu übernehmen. Und zwar ruhig etwas Anspruchsvolles. Sie sollen erleben, dass ihre Gedanken und ihre Ideen gehört und ernst genommen werden. Dass es einen Unterschied macht, wenn sie aktiv sind.


Junge Menschen sollen mitreden, mitdenken, Einfluss nehmen können, und dann auch Verantwortung übernehmen dafür.

Und übrigens: Wir Erwachsenen sind nicht dafür verantwortlich, dass unsere Kinder keine Fehler machen. Aber wir sind dafür verantwortlich, ihnen Fehler zu ermöglichen. Weil sie sonst nicht lernen können.




Selbstwirksamkeit


Wenn ein Jugendlicher erlebt, dass sich etwas verändert, weil er handelt, er also etwas bewirken kann, dann erlebt er Selbstwirksamkeit. Und das wiederum stärkt sein Selbstvertrauen – das gerade in der Pubertät manchmal so fragil und verletzlich ist.


Da ist zum Beispiel diese Schülerin, deren Mutter ich letzthin eine Rückmeldung gegeben habe zu den Führungsqualitäten, die ihre Tochter hat. Das Mädel hat knappe Deutsch- und Mathematiknoten. Der erste Eindruck, wenn man in ihr Zeugnis schaut, ist mässig. Aber hey: Ich würde sie so manchem Lehrbetrieb empfehlen. Im Waldunterricht, bei dem der Fokus ja auf kompetenzorientiertem Lernen und Handeln liegt, übernimmt sie Verantwortung, sorgt dafür, dass die Sachen da sind, die wir brauchen, denkt mit, respektive oft voraus, arrangiert, kümmert sich. Sie zeigt ein logisches Denken und Führungsqualität in der Gruppe, die sie zwar bei einem Deutsch- oder Matheblatt nicht zeigen kann, die hier aber deutlich ans Licht kommen. Und ich bin mir sicher: Ihre Qualitäten, die da zum Vorschein kommen, sind ziemlich gefragt auf dem Arbeitsmarkt. Zudem beobachte ich, wie solche Selbstwirksamkeitserfahrungen bei ihr zu einem raketenmässigen Schub in das Zutrauen in ihre Fähigkeiten führt.


Ich erlebe regelmässig, dass die Verbindung von kompetenzorientiertem und Draussenunterricht noch andere Talente zutage fördert. Und dass dies mit den Kindern und Jugendlichen etwas macht.







Subjekte statt Soldaten


In meiner Klasse wünsche ich mir keine im Gleichschritt gehenden Soldaten, die die Antwort geben, von der sie wissen, dass ich sie hören will. Ich glaube das dient weder den Jugendlichen selber noch der heutigen Welt.

Was wir brauchen sind Menschen, die den Zugang zu ihren Bedürfnissen haben, die auch eigenständig denken und handeln können und diese Fähigkeiten gemeinschaftsdienlich einsetzen.

Deshalb möchte ich meine Jugendlichen darin bestärken, über den Tellerrand hinauszublicken, auch mal quer zu denken oder etwas kritisch zu hinterfragen. Und aus diesem Grund würde ich es beispielsweise auch nicht unbedingt als Optimalzustand bezeichnen, wenn meine Jugendlichen stets gehorchen. Es kann zwar durchaus angenehm sein als Lehrkraft, wenn die Schülerinnen und Schüler zu allem Ja und Amen sagen. Lieber erhoffe ich mir aber Jugendliche, die kooperieren, weil sie das so meinen. Die nicht «Ja» sagen, wenn sie «Nein» meinen.


Ich möchte in der Schule also keine Objekte heranzüchten, die einfach brav das erledigen, was ihnen die Lehrkraft aufträgt. Ich wünsche mir Subjekte, die mitdenken, die Verantwortung übernehmen für ihr Handeln. Denn nur so glaube ich, können sie entdecken, was alles in ihnen steckt und ihr Potential voll entfalten.






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