• Rahel

Von Wurzeln und Flügeln

Und was dies mit mir als Mutter macht

Kinder brauchen zwei Dinge: Wurzeln und Flügel.

Gestern fand ich mich als Mutter eines Vierjährigen in einem Dilemma wieder. Wir waren draussen unterwegs. Ich joggend, der Kleinere im Joggingwagen und der Grössere mit dem Fahrrad. Der Frühling war in vollem Gange, überall öffneten sich Knospen, blühten Frühlingsboten und zwitscherten Distelfinken, Rotkehlchen und Meisen. Die Sonne war eben über die Bergkante gekrochen und tauchte die Umgebung in ein sanftes Licht.


Mit der Sonne wurde uns warm. So stoppten wir nach einer halben Stunde, um die Jacken auszuziehen. Dummerweise genau beim Forsthaus: Denn dort steht das gesammelte Alteisen. Für Kinderaugen eine Schatzkiste. Und da kam der Satz, der mich ins Dilemma führte. «Mama, geh du doch allein joggen mit Gian, ich spiele hier ein bisschen und warte auf dich.» Ich schaute Ben an. Unbekümmert schaute er mich an. Was nun? Einen Vierjährigen einfach allein hier stehen lassen? Nur weil ich noch eine Runde joggen möchte?


Ich wusste: Wenn mein Junge so einen Satz sagt, meint er ihn auch so. Ben war lange Zeit ein sehr scheuer und vorsichtiger Junge, der kaum von unserer Seite wich. Und dann plötzlich wollte derselbe Junge keine Begleitung mehr, um den Weg in die nächste Strasse zu den Grosseltern hinüberzugehen. Später brachte er den Vorschlag, allein im Dorfladen einkaufen zu gehen. Diesen Prozess zu beobachten fasziniert mich. Gleichzeitig verlangt es mir einiges ab, ihn so ziehen zu lassen und mit klopfendem Mutterherzen zuhause zu warten, bis er stolz, mit einem Bonbon von der Verkäuferin im Mund, die Tür öffnet und ruft: «Hallo Mama, da bin ich wieder!».


Diesen Prozess zu beobachten fasziniert mich. Gleichzeitig verlangt es mir einiges ab, ihn so ziehen zu lassen.

Aber zumindest war Ben da jeweils derjenige, der loszog. Doch das hier ist Level zwei. Er bleibt hier und ich soll losziehen? Er will hier spielen und ich soll die Runde alleine fertig joggen? Das dauert bestimmt eine Viertelstunde. Ich spürte, wie attraktiv Ben diese Freiheit erschien, eine Viertelstunde ganz allein hier zu spielen und sich als grosser selbständiger Junge zu fühlen. Gleichzeitig hatte ich ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, ihn hier stehen zu lassen.



Ich wägte ab: Wir befinden uns in einem kleinen Dorf, Autoverkehr gibt es auf dieser Strasse keinen. Ben kennt den Weg genau. Sollte er es sich anders überlegen, könnte er sich einfach aufs Fahrrad setzen und mir entgegenfahren. Verfahren kann er sich unmöglich, es gibt nur diesen einen Weg. Eine Viertelstunde. Ihr lacht jetzt vielleicht, aber in dem Moment fühlte sich eine Viertelstunde richtig lang an. Es war definitiv eine Mutprobe. Nein, nicht für Ben, sondern für mich.


Zögerlich meinte ich: «Ach komm, dann spielen wir doch hier noch eine Weile und treten dann den Heimweg an.» «Mama, nun geh schon, ich kann das.» Verdutzt blickte ich meinen Jungen an. Wer erzieht da genau wen? Wer lernt von wem gerade eine ganze Menge? Gebe ich ihm Flügel und erlaube ihm diesen Freiraum? Gestatte ich ihm die Möglichkeit, Autonomie zu erfahren? Und halte ich selber dies aus? Stelle ich seinen Wunsch nach Freiheit und Selbständigkeit über meinen Wunsch nach Sicherheit? Ich holte tief Luft. Und entschied mich dazu, ihn fliegen zu lassen. Denn wozu sonst sind Flügel da?


Ich entschied mich dazu, ihn fliegen zu lassen. Denn wozu sonst sind Flügel da?

«Also gut. Na dann, bis nachher.» Ich gebe zu, so schnell bin ich wohl noch selten gejoggt. Und wie ich zurückkam und Ben von weitem zurief, hob dieser nicht mal den Kopf, sondern sortierte weiter seine gefundenen Schrauben. «Hey Ben, alles klar? Ich war fast ein bisschen aufgeregt, dich so alleine hier zu lassen.» Verwundert schaute er mich an. «Wieso Mama?» Stimmt. Er wusste ja, dass ich wiederkomme. Ich musste selbst über mich und meine Ängste lachen.





Wurzeln und Flügel: Zwei angeborene Grundbedürfnisse des Menschen


Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern be­­kommen, soll Johann Wolfgang von Goethe einmal gesagt haben. Wurzeln, solange sie klein sind, und Flügel, wenn sie grösser werden. Doch wie finden wir als Eltern die richtige Balance zwischen Behüten und Loslassen?





Kinder brauchen zwei Dinge: Wurzeln und Flügel.




Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln, solange sie klein sind, und Flügel, wenn sie grösser werden.

Johann Wolfgang von Goethe







Der Mensch bringt zwei angeborene Grundbedürfnisse mit auf die Welt. Er hat das Bedürfnis nach Verbundenheit und Geborgenheit, und er hat das Bedürfnis nach autonomer Persönlichkeitsentwicklung. Und diese zwei Bedürfnisse bedingen sich: Bindungsforscher betonen, dass die Sicherheit bietende Bindung für die kindliche Entwicklung entscheidend ist. Klappt die sichere Bindung nicht, klappt das Erkunden der Welt nicht. Fühlt sich ein Kind in einer Familien- oder Klassengemeinschaft nicht aufgehoben und seiner wert, kann es nicht erfolgreich lernen. Umgekehrt führt das Erleben von Verbundenheit und Geborgenheit zu Sicherheit und Aufblühen.


Daneben hat der Mensch das Bedürfnis, zu zeigen, was er kann, dass er etwas draufhat. Man nennt das Autonomie und Gestaltungslust. Damit ein Kind mutig und selbstbewusst werden kann, muss es Gelegenheit erhalten zu erleben, dass es etwas beeinflussen und bewirken kann. So wird es sich auch leichter etwas zutrauen. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit ist übrigens einer der bedeutsamsten Schutzfaktoren im Leben.

Kinder benötigen also das Zutrauen ihrer Eltern. Und Eltern das Zutrauen in ihre Kinder, damit diese fliegen können.




Wer mehr zu diesem Thema lesen möchte: Über diesen lesenswerten Artikel bin ich letzthin gestolpert:


https://www.fritzundfraenzi.ch/gesellschaft/familienleben/wie-familie-gelingt-wurzeln-und-flugel?page=all


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